In den glorreichen, vergangenen Tagen des Amateurfunks, mussten junge Leute auf der Hut sein. Sie wussten nie, wer an der Haustür klingelte...

- Eine Kurzgeschichte -

Der Fall eines minderjährigen Gesetzesbrechers




Eine Anmerkung des Autors: Diese Geschichte ist wahr. Nur die Dialoge wurden etwas aufpoliert, der Lesbarkeit wegen. Die angesprochenen Antennen trugen wirklich diese Namen. Man kann die Geschichte jetzt erzählen, denn die Straftat ist schon lange verjährt. Eine Erklärung wäre noch sehr hilferich: Der erwähnte Hugo Gernsback war viele Jahre lang Herausgeber verschiedener hobbyorientierter Magazine in den USA.



Er erklomm die fünf Stufen der vorderen Veranda, schritt zur Tür und drückte auf den Klingelknopf. Nichts geschah.
Die Türklingel war schon jahrelang nicht mehr in Ordnung gewesen. Er klopfte, und augenblicklich öffnete eine junge Frau die Türe. Da stand ein mittelgroßer Mann mit braunen Augen und braunem Haar. Er trug einen braunen Anzug, braune Schuhe und eine bränliche Krawatte. Seine Hand umklammerte den Griff einer braunen Aktentasche. Die junge Frau hatte den Eindruck, dass es wieder einer dieser eintönigen Tage werden würde. Damit sollte sie jedoch unrecht haben.
Der Mann tippte an seinen braunen Hut. "Wohnt hier jemand, der an Funkerei interessiert ist?"
"Ja, ja natürlich," antwortete die junge Frau, "mein Sohn. Sein Schlafzimmer im dritten Stock ist ein wahres Mysterium."
"Kann ich ihn sprechen?"
"Er sollte von der Schule in wenigen Minuten zurück sein," antwortete sie. "Er kommt zum Mittagessen immer nach Hause. Die Schule ist nur zwei Häuserblöcke weiter."
Es war das Jahr 1931. Es war kein wirklich gutes Jahr. Die junge Frau war meine Mutter, und der Mann im braunen Anzug kam von der Funkaufsicht. In jenen Tagen besser bekannt als Radio Inspektor, kurz R. I. genannt. Meine Mutter wusste natürlich nichts über Radio Inspektoren, und sie wusste auch nicht, dass es normalerweise bis zum Erlangen der Amateurfunklizenz mehrere Stufen gibt:
1. Morsen lernen
2. Die technische Prüfung bestehen.
3. Auf die Lizenz mit dem Rufzeichen warten.
4. Die Station nebst Antenne bauen.
5. Endlich funken.

Meine Mutter konnte nicht wissen, dass ihr Sohn die Stufen 2 und 3 übersprungen hatte, um direkt zu Stufe 4 und 5 zu gehen, um Stufe 1 zu erreichen.

Ich kam pünktlich zur Mittagszeit nach Hause. Ich sah die Beschriftung des Autos, das im Rinnstein parkte, und ich sah die offiziellen Zeichen der Funküberwachung.
Sie waren es, die meinen Appetit schlagartig vergehen ließen. Ich schlich ins Haus. Der Mann in Braun stand auf. Er schaute überrascht aus. Kein Wunder, denn ich war 11 Jahre alt und trug Kniebundhosen aus Cord, und zwar von jener Art, die beim Gehen immer so ein "Wuip-Wuip"-Geräusch machten. Bemerkenswert war: Es war eine braune Hose, über braunen Kniestrümpfen, in brauen Schnürschuhen. Abgesehen von meinen blauen Augen waren wir ein Pärchen in Braun unterschiedlicher Größe.
"Bist du Derjenige, der an Funkerei interessiert ist?" fragte der R. I.
"Yessir", krächzte ich.
"Weißt du, wer ich bin, und warum ich hier bin?"
"Nein zum wer und Ja zum warum", entgegnete ich mir selbst etwas Mut machend. Die Antwort hatte ich irgendwo gehört und fand sie gut.
"Deine Mutter sagt, dein Zimmer sei so geheimnisvoll. Ich möchte es gerne einmal sehen."
"Jawohl" (sehr demütig). Ich ließ ihn in meine Behausung unter dem Dach.
"Was ist denn das?"
Ich entdeckte ein klein wenig Ungläubigkeit in seiner Stimme. Das ist meine Chance, sagte ich leise zu mir, und betont laut sagte ich: "Das ist ein Audion, ein Einröhren-Empfänger mit einer Arktus-224-Röhre. Hugo Gernsback bezeichnet es als Oszillodyn."
"Funktioniert er gut?" erkundigte sich der R.I. überraschenderweise in freundlichem Ton.
"Geht so. Man braucht jedoch ein wenig Übung und darf die Hand nicht vor der Bakelit-Frontplatte hin und her bewegen, denn etwa 1 Inch Handbewegung verändert die Frequenz so um 10 kHz. Hugo Gernsback bezeichnet das als Handkapazität."


38k - T. Buczko, N2FGF

Der R. I. wendete sich dem Sender zu. Er war auf einem gelblichen Stück Pinienholz aufgebaut. Der Sender bestand aus einer einzigen 245-Triode und wurde als TNT-Oszillator bezeichnet. Er war ungefähr so stabil wie der Empfänger. Das heißt, er war überhaupt nicht stabil.
"Könnte es sein, dass du eine Lizenz hast?" Die Frage hatte plötzlich keinen freundlichen Ton mehr.
"Noch nicht", erwiderte ich knapp.
"Wo hast du denn die Rufzeichen her?" forschte der R.I. weiter.
Ich atmete einmal tief durch, und dann flüsterte ich: "Von verstorbenen OMs. Ich habe mir einige nette ausgesucht. Die flutschen nur so aus der Taste raus".
"Du behauptest, du hast die Rufzeichen von Toten verwendet?" grollte er.
"Ich glaube nicht dass es ihnen was ausmacht", sagte ich schon wieder etwas mutiger, "ich habe sie damit ein bisschen zurückgeholt. Nicht wirklich und nicht sehr viel. Gerade mal 40 m, das sind etwa 120 feet. Ich arbeite hauptsächlich auf dem 40-m-Band."
Der R. I. empfand das nicht als sehr guten Scherz. Später wusste ich, dass den Beamten der Humor im Laufe der Dienstjahre abhanden kommt.
Ich zeigte ihm schnell meine Morsetaste. Sie bestand aus einem dünnen Sägeblatt, wobei das eine Ende in den Schlitz eines Holzquaders eingeklemmt war, mit den Zähnen nach unten und parallel zur Tischplatte. Den Holzklotz hatte ich auf den Stationstisch aufgeleimt. Das andere Ende des Sägeblattes war mit Textilklebeband umwickelt, was ein zufriedenstellendes Paddel ergab. Beim Vor- und Zurückbewegen zwischen zwei Nägeln die in den Tisch getrieben waren, ergab sich jene Art von CW, die so typisch für diese Tastenart war. Da die Grundplatte meines Paddels der Stationstisch war, war sie wahrscheinlich die schwerste in der ganzen Welt. Nachdem der R. I. mein Gebilde sehr distanziert betrachtet hatte, fragte er, warum ich keine reguläre Handtaste hätte.

"Armut", antwortete ich knapp. 1931 war kein sehr gutes Jahr. Ab diesem Augenblick war mir klar, dass der R. I. von meiner Bastelkunst sehr beeindruckt sein musste, denn er hüstelte häufig und wischte seine Augen mit seinem Taschentuch. Das Taschentuch war weiß. Eine angenehme Abwechselung.
"Welche Art von Antennen hast du?" Schlagartig wurde mir klar, warum er mich entdeckt hatte. Mein Fenster im 3. Stock war deutlich von der Grandview Avenue aus zu erkennen - die Straße, die am Hang des Mt. Washington entlang führte, hoch über der Stadt von Pittsburgh. Fast jeder, besonders ein R. I. würde vermuten, dass sich etwas Technisches am Ende der Drähte befand, die von Bämen, Dächern und Zäunen ausgingen und an einem Fenster endeten. Rasch überlegte ich mir, wie ich die Frage nach den Antennen beantworten sollte: "Die Digby-Antenne arbeitet am besten!"
Der R. I. schaute verdutzt. "Was bitte," forschte er, "ist eine Digby-Antenne?"
Ich versuchte, überlegen zu klingen: "Es ist eine halb vertikale Halbwellenantenne, aufgehängt am obersten Ast con Mrs. Digbys Birnbaum."
"Mrs. Digby!" rief er, als kenne er sie.
"Yessir", sagte ich, "Mrs. Digby gehört der Garten, in dem der Birnbaum wächst. Sie werden ihr doch nichts sagen, oder? Sie weiß nämlich nichts von der Antenne. Ich habe den Draht dort angebunden, als ich ihre doofe Katze vom Baum retten musste."
Der R. I. seufzte: "Ich bin schon ein wenig besorgt, nach den anderen Antennen fragen zu müssen. Aber warum ist die ... ähm ... Digby-Antenne besser als die anderen?"

"Nun Herr Inspektor", antwortete ich, indem ich mich mehr und mehr für das Thema erwärmte, "die Neely-Antenne und die Middlestetter-Multiband lassen bei Wind meinen Sender über das Band hüpfen. Beide sind horizontale Antennen, und sie hüpfen auf und ab. Aber die Digby ist halb vertikal, und sie bewegt sich wenig bei Wind. Die beiden nervösen Antennen wirken wie variable Kondensatoren. Deshalb ändert mein TNT-Oszillator dauernd die Frequenz, und mein Empfänger hüpft hinterher."

Der R. I. schaute mir direkt in die Augen. "Das hast du alles selbst herausgekriegt?"
"Nein, nicht wirklich. Hugo Gernsback beschreibt das so in einem seiner Hefte, und zwar in dem mit dem ganzen Zeug über den Oszillodyn. Mr. Gernsback muss ziemlich clever sein. Er weiß alles über Handkapazität, über Antennen und all solche Sachen."
Der R. I. seufzte wieder. Diesmal länger und tiefer. "Könnte es richtig sein, wenn man sagt, dass die anderen Antennen an verschiedenen Bäumen befestigt sind, die auf unterschiedlichen Grundstücken stehen?" fragte er vosichtig.
"Nicht nur an Bäumen." erklärte ich. "Die Neely-Antenne ist am Dach der Garage vom alten Neely befestigt, und die Mittelstetter geht über Mrs. Mittelstetter hinteren Garten zur Zaunecke. Mrs. Mittelstetter hat den Garten voller Rhabarber, und der Zaun hält die Karnickel ab. Mrs. Mittelstetter hasst es, wenn Karnickel in ihrem Garten sind. Die können nicht gescheit sein, wenn sie sich über den Rhabarb ..."
"Jetzt ist aber genug!" Fast schrie der Inspektor. Er hatte einen wilden Blick in den Augen, und sein Atem ging schnell und flach. Doch schließlich beruhigte er sich wieder. "Sorry", sagte er, "das war nicht so gemeint."

"Das ist schon in Ordnung", meinte ich gönnerhaft, "jedoch könnte sich meine Mama geängstigt haben." Für einen Augenblick starrte er auf seine Schuhe, tief in Gedanken versunken, bevor er sprach: "Du weißt, ich habe die Vollmacht, deine Station einzuziehen, nicht war?"

"Nein mein Herr, das weiß ich nicht." Meine Stimme begann wieder etwas belegt zu klingen. Mir ging durch den Kopf, dass nur eine herzlose Verwaltung Oszillodyn-Empfänger von Minderjährigen einzieht, besonders dann, wenn er mit einer Arctus-Vakuumröhre aus blauem Glas aufgebaut ist.

Der R. I. fuhr fort: "Jedoch, ich habe deine Station überprüft, und obwohl illegal, habe ich doch das Gefühl, dass die Regierung der Vereinigten Staaten keinen Gewinn von der Beschlagnahme hat. In Wirklichkeit mag das Gegenteil der Fall sein. Ich habe daher entschieden, nur den Stecker zu ziehen, wie man so sagt, und schlage vor, dass du dich am nächsten Freitag im Rathaus der Stadt einfindest, um an einer Prüfung für eine Lizenz teilzunehmen."

Ein Seufzer der Erleichterung, obwohl seine Bemerkung bezüglich meiner Station nicht sehr höflich war. Ich hielt den Mund, denn es konnte nur schlechter werden. Ich begleitete ihn die Treppe hinab und hinaus. Er blickte auf mich herab, und ich glaubt, den Beginn eines Lächelns zu sehen.

"Viel Glück bei der Prüfung. Ich habe heute ein Menge gelernt. Digby- und Neely-Antennen sind etwas Neues für mich. Nicht zu vergessen die Mittelstetter-Multiband über Rhabarber."

Als er in sein Auto einstieg, dachte ich, dass er für einen Radio Inspektor ein ganz netter Mann sei und vielleicht sogar so clever wie Hugo Gernsback.

Robert E. Moren, K4CX



(Aus QST November 1991, übersetzt von Heinz
Sarrasch, DJ7RC, anlässlich des Oldtimer-Treffend
am 2. Oktober 1999 in Mülheim an der Ruhr)




Abgetippt von DO1YCS aus der Verlagsbeilage zum Amateurfunkmagazin CQDL (anlässlich des 50. Geburtstages des DARC)




Last Update: 29.08.2002 by Christian Schwier, DO1YCS